Tamada

Disclaimer:
Im folgenden Text wird es nicht versucht, berufliche Überzeugungen oder Herangehensweise mancher Kollegen abwertend darzustellen. Dieser Beitrag reflektiert die historische Entwicklung des Berufes in Relation mit der „Neuen Schule“ der Hochzeitsmoderation. Ich habe beide Seiten kennenlernen dürfen und kann aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, die Unterschiede aufzeigen und angehende Brautpaare zum Nachdenken bringen. Auf diesem Background wird es noch deutlicher, wieso ich mich als NoTamada bezeichne.

Zunächst ein Mal die richtige Betonung. Es heißt Támada und nicht Tamáda. Haben Sie den Unterschied bemerkt? Also, irgendwie hat sich die falsche Betonung in den Wortschatz der deutschsprechenden Zeitgenossen eingeschlichen. Im Deutschen betonen wir bei Grundworten meistens die erste Silbe des Wortes. Wieso soll bitte das Wort Tamada eine Ausnahme sein? Ist da etwa die ausländische Herkunft des Wortes daran schuld? Da streiten sich die Geister und ich kann mir immer noch nicht erklären, wieso beim Sprechen meistens die falsche Betonung gewählt wird. Was die Herkunft angeht, da wird im Original das letzte A betont, also Tamadá. Im deutschsprachigen Raum würde ich niemals das zweite A betonen. Das hört sich sehr schräg an. Also bitte, bevor der DUDEN sein Machtwort ausgesprochen hat, das erste oder das letzte A betonen. Danke!

Nach dem wir die größte Hürde genommen haben, wollen wir unsere Aufmerksamkeit einem anderen Rätsel widmen: der oder die Tamada?
Das äquivalente deutsche Nomen ist Hochzeitsmoderator. Hier erübrigt sich die Frage nach dem richtigen Artikel – Der Hochzeitsmoderator bzw. Die Hochzeitsmoderatorin. Was ist nun mit Tamada. Da dieses Wort im DUDEN noch nicht aufgelistet ist, würde ich, vom Gefühl her, behaupten, dass ein männlicher Kollege DER und eine weibliche Kollegin DIE Tamada ist. Gleich werden wir verstehen, dass man als Tamada in Europa nur eine begrenzte Gruppe an Kollegen beschrieben darf. Doch für die Sprachwissenschaftler unter Ihnen lasse ich das hier stehen.

Weiter geht es mit den trockenen Wiki-like Fakten.
Tamada (georg. Tamadoba), maskulin oder feminin.
Worttrennung: Ta I ma I da

 

  1. Bedeutung (Original): jemand, der eine Tischgesellschaft führt.
  2. Bedeutung (abgewandert): jemand, der eine Hochzeit moderiert und für die Unterhaltung sorgt.
Tamada

Nun setzen wir uns mit den beiden oben aufgeführten Bedeutungen auseinander.

Original (im Sinne eines Tischführers)

Tamada (ausschließlich männlich mittleren bis höheren Alters) ist der Veranlasser des Tisches oder die Aufsicht führende Person. Diese Rolle bekommt man vom Veranstalter zugewiesen. Dabei darf es keine x-beliebige Person sein. Tamada ist jemand, der in der Gesellschaft oder innerhalb einer Gemeinde Ansehen und Respekt erworben hat. Einer, dessen Rat erwünscht ist und die Meinung sehr geschätzt wird. Er kennt alle und ihn kennen alle. Er erfüllt organisatorische und rhetorische Aufgaben wie:

  • Zuordnung der Sitzplätze
  • Aufsicht und Ordnung am Tisch
  • Bestimmung der Reden-Abfolge
  • Selbst Reden halten, in denen es auf Teilnehmer eingegangen wird (Lob und Kritik aussprechen)

Selbstverständlich wird es bei so einer Tischrunde viel getrunken. Der Tamada zeichnet sich dadurch aus, dass er beim Alkoholkonsum seine Grenzen gut kennt. Das muss er auch, denn in Theorie soll er nach jedem Trinkspruch oder Rede mittrinken. Und ja, er darf bei keiner Rede fehlen. Er ist ständig da. Dabei darf er keinesfalls die Kontrolle verlieren.

Abgewanderte Bedeutung (im Sinne eines Conférencier)

Eine Person (früher meistens weiblich mittleren bis höheren Alters), die neben Ankündigungen von Programmpunkten auch Hochzeitsspiele einleitet. Das Repertoire ist meistens konstant. Neue Elemente kommen ganz selten ins Programm rein, da man sehr gerne auf Bewährtes setzt. Improvisation bleibt in der Regel auf der Strecke. Tamada arbeitet intensiv mit Kostümen jeglicher Art. Es wird verkleidet, was das Zeug hält. Wenn man annimmt, dass sich Tamada selbst verkleidet, liegt man mit dieser Vermutung falsch. Zigeuner, Piraten, Enten, Bauchtänzerin – jede Rolle wird auf Kosten der Gäste umgesetzt. Dabei wird es oft gar nicht gefragt, ob jemand mitmachen möchte. Es wird meistens darauf bestanden, dass jemand mitmacht. Ganz zu Beginn wird ein Dutzend Männer mit Koch-Kostümen ausgestattet und drum gebeten, die Hochzeitssuppe auszutragen. Später kommen weitere „Theatervorstellungen“ unter Beteiligung der kostümierten Gäste.
Tamada braucht seine/ihre eigene Garderobe, da die mitgebrachte Menge an Kostümen, Taschen, Beuteln, Tüten, Kleidersäcken und Accessoires der eines professionellen Theaters ähnelt. Vor jeder Hochzeit muss das komplette Arbeitszeug enthüllt und irgendwo untergebracht werden.
Des Öfteren werden alkoholbasierte Spiele in den Abend integriert. Der Satz von Pythagoras ist jünger, als die breit verbreitete Annahme, dass ein hoher Alkoholpegel mit der guten Stimmung einhergeht. Und hier fließt das „bittere Gold“ in Strömen. Die Stimmung wird angehoben und aufrechterhalten.
Außerdem, ein(e) Tamada ist kein Profi, wenn am Abend keine Gedichte feierlich vorgetragen werden. Zum Empfang, Essen, ersten Tanz und natürlich vor der Abnahme des Brautschleiers kommen jeweils ein Paar Reimen. Erwartet einen dabei etwa Werke, die der Dienstleister extra für dieses bestimmte Paar entworfen hat? Leider nicht. In der Regel sind das bekannte Stücke aus der klassischen Literatur oder gar dem Internet. Ähnliche Verse findet man ganz oft auf vorgefertigten Glückwunschkarten wieder. Auch hier ist das Repertoire ziemlich gleich, da der Stoff sehr universal gewählt wird.
Es wird eine 100%-ige Durchsetzung der geplanten Programmpunkte angestrebt. Alle mit dem Paar abgemachten Elemente müssen stattfinden. Änderungen sind nur sehr selten möglich.

Tamada

Der Unterschied

NoTamada (wie übrigens auch eine Reihe weiterer Hochzeitsmoderatoren, die sich ideologisch der „Neuen Schule“ zurechnen) nimmt ganz bewusst Abstand davon, was sich viele unter dem Begriff Tamada vorstellen. Im Grunde genommen, ist alles, was ein Tamada sowohl im klassische, als auch im abgewanderten Sinne verkörpert, ein Tabu und NoGo.
Im Einzelnen bedeutet das:

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einzigartiges Szenario

Es gibt keine 2 Hochzeiten, die nach demselben Muster verlaufen, da jedes Szenario individualisiert geschrieben wird. Dabei werden sehr persönliche Eigenschaften des Paares und der Gäste untersucht und ins Programm integriert.

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Spontanität

Improvisation, sowie aktive Stand-Up-Comedy-Elemente sind fester Bestandteil unserer Events.

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Kostüme

Ich verwende keine Kostüme. Ich verkleide keine Gäste. Wir haben keine Halloween-Party. Das einzige Kostüm, welches mitkommt, ist mein Anzug. Strenggenommen, habe ich immer 2 davon. Für Fall der Fälle.

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Gäste

Beteiligung der Gäste erfolgt ausschließlich auf freiwilliger Basis. Trotzdem fühlt sich jeder Gast in den Abend integriert und abgeholt.

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Umkleide

Zwar brauche ich auch eine Umkleide, aber nur für mich selbst und meine 2 Kostüme plus ein Paar Hemden und Hygieneutensilien.

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Alkoholkonsum

Ich habe keine Alkoholspiele. Bei mir heißt es nicht alle 10 Minuten: „Lasst uns unsere Gläser heben…“. Der Alkoholkonsum wird nicht beeinflusst.

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Gedichte

Ich erzähle keine auswendig gelernten Gedichte. Übrigens, ich kenne einen Kollegen, der zum Abschluss des Abends einen individualisierten Rap-Song performt. Den Text schreibt er kurz vor dem letzten Auftritt und beschreibt darin einzelne Ereignisse des Abends. Das ist in HÖCHSTER Form professionell und MEGA cool. Also, merken Sie den feinen Unterschied zum Gedichte aus dem Internet vortragen?

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Flexibilität

Ich bleibe flexibel und habe lieber ein Ass im Ärmel, welches ich zwar vorbereitet, aber nicht vorgestellt habe, als penetrant nur mein Programm durchzupushen.

Ähnliche Antipoden gibt es noch genug und würden den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich möchte hier keinesfalls betonen, was das Wahre ist. Das Beste daran ist, der Kunde hat die Wahl. Der Markt ist vielfältig und das ist gut so. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine richtige Wahl zu treffen und eine perfekte Hochzeit zu erleben.

Der Autor

 

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